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Wird meine Arbeit für die muslimischen Mädchen in Zukunft etwas bringen?

Viele Lehrende, die sich für ihre Schülerinnen engagieren, ihr ganzes Herzblut ins Unterrichten stecken und viele unabgegoltene Extrameilen machen, äußern immer wieder die Frage: „Wird meine Arbeit für die muslimischen Mädchen in Zukunft etwas bringen?“

Insbesondere dann, wenn sie vermuten, dass das Umfeld des Mädchens nicht schätzt, was sie leisten. Wenn es für sie nicht von Bedeutung ist, wie sehr sie sich bemühen.

Und auch dann, wenn wenig Lernfortschritt zu sehen ist. Und man das Gefühl hat, es sei alles vergebene Liebesmüh.

Allerdings kann man von außen nicht immer sehen, welche Lernprozesse im Inneren gerade ablaufen. Es ist manchmal so wie beim Bambusanbau. Bambusbauern wässern und düngen das Bambusfeld eine halbe Ewigkeit lang, ohne dass auch nur irgendeine Pflanzenspitze zu sehen wäre. Sie wissen nicht, ob die Pflanzen unter der Erde noch leben oder schon abgestorben sind. Und dann plötzlich, eines Tages nach langer Zeit, schießt der Bambus Meter weit in die Höhe.

Bei Lehrenden ist oft die Zeitspanne zu kurz, in der sie Kontakt zu ihren Kindern haben. Erst oft Jahre später sieht man, welchen Einfluss Lehrende auf sie gehabt haben. Leider kommen diese oft nicht mehr in den Genuss, ihren Erfolg des Begleitens ernten zu können.

An welche Lehrerin, welchen Lehrer erinnern Sie sich noch?

Welche Erfolge haben Sie ihrem, seinen Einfluss zu verdanken?

Die Psychologin Alice Miller beschreibt in ihren Büchern, welche wichtige Bedeutung „wissende Zeugen“ und „helfende Zeugen“ im Leben von Kindern haben, die Schwieriges erleben.

Diese „Zeugen“ können Großväter, Nachbarinnen oder auch Lehrende sein, die sehen und anerkennen können, was Kinder durchmachen. Sich gesehen und gehört zu fühlen, kann den Unterschied ausmachen, schwierige Situationen zu meistern oder daran zu zerbrechen.

Lehrende können möglicherweise die Umstände nicht ändern, sie haben aber große Einflussmöglichkeiten darauf, wie Kinder diese Umstände erleben. Ob sie sich mit ihren Problemen allein gelassen oder begleitet fühlen.

Ein wertvolles Geschenk, das Lehrende machen können, ist, zuzuhören, ohne viel zu sagen und den Raum zu halten, wenn Kinder sich ihnen anvertrauen.

Nicht jede Situation, die anders ist als üblich, muss unbedingt schwierig sein

So liegt das Glück im Leben nicht unbedingt ausschließlich in Karriere, wie das in Mitteleuropa derzeit so dargestellt wird.

Lohnarbeit ist nicht per se glücklich machend und ist nicht gleichbedeutend mit Selbstverwirklichung. Die Chancen auf erfüllende Arbeit sind im Moment allgemein gering, für manche muslimischen Mädchen sind sie noch geringer.

Listen ausfüllen, lange Arbeitszeiten, Auflagen erfüllen, Tätigkeiten, die wenig Sinn machen, Burnout, usw. – das sind Arbeitselemente, die für Jugendliche generell wenig Anreiz sind, in unsere Fußstapfen in der Arbeitswelt zu steigen.

Wird meine Arbeit für die muslimischen Mädchen in Zukunft etwas bringen?

Wenn man diese Frage über Ausbildung und Karriere hinaus stellt, eröffnet sich ein breiteres Feld an Möglichkeiten, nämlich:

WIE kann Ihre Arbeit für das Leben der Mädchen etwas bewirken?

Mit Schule meint man generell zwar hauptsächlich Unterrichtsstoff, doch lernen Kinder dort – oft zwischen den Zeilen – so viel mehr. Und oft ist es dieses „Mehr“ jenseits des Stoffs, von dem sie ein Leben profitieren.

Man kann sich möglicherweise an keine Beistrichregel mehr erinnern, aber man erinnert sich, dass sich die Deutschlehrerin damals Zeit genommen und zugehört hat, als es einem nicht gut gegangen ist.

Schule ist auch ein Ort, der riesigen Einfluss auf das Selbstwertgefühl hat. In vielen Situationen im Leben ist ein gutes Selbstwertgefühl und der daraus resultierende Mut hilfreicher als so manches Fachwissen.

Das Selbstwertgefühl hängt nicht nur mit den Noten zusammen, sondern in großem Ausmaß auch davon, wie die Lehrenden einen sehen. Diese inneren Bilder der Lehrenden – die manchmal auch unbewusst sind – schreien besonders laut.

Wissenschaftlich erforscht wurde dies unter der Bezeichnung Pygmalion-Effekt. Im folgenden Kurzvideo sehen Sie eine Zusammenfassung dazu: Der Pygmalion Effekt

Ein großartiges Video von Vera Birkenbihl, wie sich dieser Effekt auf das Lehren und Lernen auswirkt, finden Sie hier: Machtlos? Wie Sie die eigene Kraft zurückgewinnen!

Wenn man beispielsweise in Google den Begriff „Muslimische Schüler“ eingibt, findet man so gut wie nur Artikel über Probleme mit muslimischen Schülern.

Da stellt sich die Frage: Wie kann man es schaffen, sich von der öffentlichen Meinung nicht sein Bild trüben zu lassen? Wird durch diese öffentliche Meinung eine selbsterfüllende Prophezeiung geschaffen? Wie wirkt hier der Pygmalion-Effekt?

Und weiter: Haben die muslimischen Mädchen was davon, wenn sie – wie das immer wieder passiert – als unterdrückte Opfer gesehen werden?

Es ist wichtig, da zu sein, wenn es tatsächlich etwas gibt, worunter sie leiden

Doch sie pauschal zu bemitleiden, ändert nichts.

Vielmehr benötigen sie jemanden, der an sie glaubt, als sie als schwach erachtet.

Lehrende sind so wichtige Personen im Leben eines Kindes. Insbesondere für junge Kinder und Kinder, die neu im Land sind.

Lehrende, die sich einfühlen können, die versuchen, sich in die Mädchen hinein zu versetzen und sie zu verstehen, sind so ein wertvoller Schatz für sie.

Nichts, was man tut, ist zu klein oder zu unbedeutend: ein offenes Ohr, ein wertschätzender Blick, ein anfeuerndes Wort. Etwas, woran sich sie die Mädchen später noch erinnern.

Wird meine Arbeit für die Mädchen in Zukunft etwas bringen?

WAS könnte Ihrer Meinung nach den Mädchen etwas bringen?

Was möchten Sie Ihren muslimische Mädchen mit auf den Weg geben?

Egal wohin er führt – in eine unglaublich steile Karriere, in ein Leben als Hausfrau und kinderreiche Mutter, in einen Brotjob und Doppelbelastung oder ganz woanders hin.

Welche Fähigkeiten werden all diese Mädchen brauchen? Können Sie davon jeden Tag ein bisschen in Ihren Unterricht hineinverpacken?

Wie gut kennen Sie die Lebensumstände Ihrer muslimischen Mädchen in der Klasse? Was sind ihre Träume?

In Projekten beispielsweise, in denen gemeinsam an etwas Größerem gearbeitet wird, kann Neugierde angefacht und verschiedene Fähigkeiten ausprobiert werden.

In der Methode The jigsaw classroom werden alle miteinbezogen. Die Aufgabe kann nur dann gelöst werden, wenn sich alle eingebracht haben.

In Morgenkreisen und Ähnlichem kann man erfahren, was den Kindern wichtig ist und was sie gerade beschäftigt. Darüber hinaus wird die Beziehung vertieft. So kann man die Mädchen und ihre Träume noch besser kennenlernen.

Wird meine Arbeit für die muslimischen Mädchen in Zukunft etwas bringen?

„Nur 5% des lebenslangen Lernens geschieht in formellen Trainings – von diesen 5% behalten die meisten Menschen nur 3-5% auf Dauer. Die restlichen 95% des lebenslangen Lernens geschieht im direkten Leben in der Beziehung mit der Umwelt“. Michael Mendizza

Möglicherweise werden sich Ihre muslimischen Mädchen in Zukunft nicht unbedingt an all den Stoff erinnern, den Sie ihnen beigebracht haben. Sie werden jedoch höchstwahrscheinlich von all dem profitieren, was sie sich auf zwischenmenschlicher Ebene von Ihnen abgeschaut haben.

Wenn Sie mehr über die muslimischen Frauenwelten erfahren möchten, erhalten Sie hier weitere Einblicke: Wie ist das nun eigentlich mit den muslimischen Frauen?

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2 Kommentare

  1. Laura Ippen

    Liebe Jaqueline Eddaoudi,
    jetzt muss ich doch mal eine Rückmeldung schicken und zum Ausdruck bringen, wie reich beschenkt ich mich schon allein durch Ihre Newsletter fühle – ganz abgesehen davon, was ich in den persönlichen Fortbildungen (Supervisionen) durch Sie (in Präsenz) im Laufe mehrerer Jahre (an der VHS Klagenfurt und auch außerhalb davon) mitgenommen habe.
    Auch wenn ich zur Zeit gar nicht (mehr) in der Arbeit mit MigrantInnen tätig bin – weil ich kurzentschlossen im letzten Sommer Kärnten verlassen habe um meinem Kindheitstraum, einmal am Meer zu leben, gefolgt und nach Norddeutschland gezogen bin, wo ich immer noch damit zu tun habe, überhaupt anzukommen, mich zu orientieren und einen – meinen – Platz zu finden – lese ich jeden Newsletter mit Freude und fühle mich bestärkt durch Ihre einfühlsamen, unkonventionellen und klugen Kommentare zu den Themen und Situationen, die Sie einbringen und die mir in der Regel vertraut sind.
    Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe machen, immer neue Facetten dieser „interkulturellen“ Begegnungen aufzuspüren und begreifbar zu machen.
    Ich bin – und war es von der ersten Minute in einem 40-minütigen Seminar – ein großer Fan (eine große Fanin 😉 von Ihnen und wirklich froh, Sie „gefunden“ zu haben.
    Weiterhin viel Freude und Inspiration bei Ihren Tätigkeiten, die so vielen Menschen sicher eine große Stütze sind.
    Laura Ippen

  2. Jaqueline Eddaoudi

    Vielen herzlichen Dank für dieses herzerwärmende Feedback! So ein liebes Kompliment!

    Jaqueline Eddaoudi

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