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Wie weiß ich, was für meine muslimischen Schüler*innen schwierig ist?

In dieser Zeit des sozialen Abstand-haltens wird es mit der Zeit immer schwieriger, in Verbindung zu bleiben. Und so taucht möglicherweise immer wieder mal der Gedanke auf: „Bin ich ich innerlich noch so in Kontakt mit meinen Kindern, dass ich sie spüren kann? Wie weiß ich, was für meine muslimischen Schüler*innen schwierig ist?

Kinder haben die außergewöhnliche Fähigkeit, sich neuen Gegebenheiten äußerst schnell anzupassen. Manchmal schaffen sie es so gut, sich zu fügen, dass sie es sich gar nicht anmerken lassen, wie viel ihnen das Sich-Zurücknehmen abverlangt. Nach außen wirkt alles angenehm normal.

Doch irgendwann in Zukunft wird man sich möglicherweise über das unverständliche Verhalten des einen oder des anderen wundern, das seinen Anfang in dieser Zeit genommen hat.

Wie weiß ich, was für meine muslimischen Schüler*innen schwierig ist?

Manche Kinder halten die fehlende Nähe schwer aus. Für viele muslimische Kinder ist Körperkontakt besonders wichtig. Weil es die Grundlage für Beziehung ist. Und die Qualität dieser Beziehung bestimmt das Lernen, den Umgang mit den Mitschüler*innen und den Lehrenden und das Verhalten ganz allgemein. Fehlen die Nähe und der Körperkontakt, fehlt der Rahmen für alle schulischen Aktivitäten.

Die Psychotherapeutin Virginia Satir meint, man braucht 12 Umarmungen pro Tag, um aufzublühen. 8 Umarmungen pro Tag, um sein Gleichgewicht zu halten. Und 4 Umarmungen am Tag, um seelisch zu überleben. Wie viele Umarmungen bekommen wir derzeit? Wie viele Umarmungen geben wir?

„Kinder, die sich schlecht benehmen“, schreibt Michaeleen Doucleff in ihrem Buch „Hunt, Gather, Parent. What ancient cultures can teach us about raising children“, brauchen von Seiten der Erwachsenen sogar noch mehr Ruhe und Berührung“.

Für andere Kinder ist die Ernsthaftigkeit, die derzeit vorherrscht, besonders schwierig. Viele muslimische Kulturen sind geprägt von Lebensfreude, Lachen und Fröhlichkeit. Die Atmosphäre hierzulande fühlt sich für manche ohnehin schon sehr steril und nüchtern an. Die Ernsthaftigkeit der jetzigen Zeit verstärkt dieses Gefühl noch mehr.

Viele muslimische Kulturen sind kollektivistische Kulturen. Das bedeutet unter anderem, dass man häufig Besuch hat, sich regelmäßig mit den Nachbarn trifft und auch außer Haus meistens in kleineren oder größeren Gruppen unterwegs ist. All das ist derzeit immer wieder schwierig. Diese Gemeinschaft geht manchen muslimischen Kindern im Moment sehr ab.

Wie weiß ich, was für meine muslimischen Schüler*innen schwierig ist?

Durch das Abstandhalten geht möglicherweise auch immer wieder die Verbindung zu den Schüler*innen verloren. Möglicherweise so sehr, dass es schwerfällt, abzuschätzen, welche Stoffgebiete für die Kinder zu schwierig sind.

Möglicherweise weiß man durch das Distance learning und die diversen Zwischenformen nicht mehr, wo jedes einzelne Kind in seinem Lernprozess steht.

Vielleicht fällt es auch schwer, sich in die Situation hineinzuversetzen, dass Deutsch nicht die Erstsprache ist – wenn man das selbst nie erlebt hat. Schwierig, sich vorzustellen, wie es ist, wenn Lebenskonzepte unverständlich sind. Wie es ist, wenn man gewisse Natur-und Kulturerfahrungen nie gemacht hat.

Das Lernen in den Schulen Mitteleuropas setzt Erfahrungen voraus, die viele Kinder aus Familien der Mittel-und Oberschicht ohne Migrationserfahrungen mitbringen. Das, was viele Kinder aus Familien, die nicht in diese Kategorie fallen, mitbringen, zählt meistens in der Schule nicht.

Wenn man die geforderten Erfahrungen nie gemacht hat, wird der Stoff in der Schule, die diese voraussetzt, schwer bis kaum bewältigbar – ganz unabhängig von den Deutschkenntnissen. Und das zieht sich durch alle Gegenstände – Lückentexte in Deutsch, Textaufgaben in Mathematik, Begriffe und Konzepte in Biologie, …

Wenn man als Lehrperson nie die Erfahrung gemacht hat, dass die Bildungssprache nicht die eigene Erstsprache ist und dass man in der Vorschulzeit nicht das erlebt hat, was in der Schule vorausgesetzt wird und jetzt die Lehrer-Schüler-Verbindung möglicherweise nicht so stark wie sonst ist, stellt sich nun die Frage:

Wie weiß ich, was für meine muslimischen Schüler*innen schwierig ist?

Grundsätzlich ist es ja im Leben immer so, dass man nicht weiß, was man alles nicht weiß. Also, wie soll man das dann herausfinden?

Das, was der Kopf nicht weiß und wissen kann, weiß oft der Bauch.

Um die Verbindung zu den Schüler*innen wieder zu stärken und um herauszufinden, was für sie schwierig ist, ist es wichtig, die Verbindung zu sich selbst und zum eigenen Bauchgefühl wieder zu stärken.

Was ist für SIE schwierig in diesen Zeiten?

Sind es die vielen zusätzlichen To Dos?

Der Wechsel von Präsenzunterricht zu Distance learning?

Oder das hybride Unterrichten?

Ist es die Forderung nach maximaler Flexibilität?

Die Reaktion der Schüler*innen auf die derzeitige Situation?

Die Lücken, die jetzt möglicherweise noch größer werden? Oder einfach nur sichtbarer?

Die Gedanken daran, wie es weitergehen wird?

Was würden Sie brauchen?

Sicherheit? Anerkennung? Zusammenarbeit? Ruhe? Einfachheit? Schutz? Freude? Menschlichkeit? Unterstützung? Mitgefühl mit sich selbst? Verständnis? Trauern um die Vergangenheit? Rücksichtnahme? Nähe? Klarheit?

Auch wenn sich möglicherweise nicht alle Bedürfnisse (gleich) erfüllen lassen, ist es wichtig, sie zu spüren. In Kontakt mit sich zu kommen. Immer wieder bei sich vorbeizuschauen.

Beispielsweise indem man sich am Wochenende den Timer immer wieder auf eine Stunde stellt und sich beim Läuten die Frage stellt: Was bräuchte ich jetzt gerade? Was wäre schön?

Eine Umarmung? Kurz die Füße hochlegen? Ein Lieblingsgetränk? 5 Minuten Tagträumen? Zum Fenster hinausschauen? Eine Gesichtsmassage?

Gerade als Lehrperson ist es besonders wichtig, gut auf sich zu schauen. Da Sie ja so viel von sich geben.

Wenn es Ihnen gut geht, kann es der ganzen Klasse gut gehen.

Es sich gut gehen zu lassen und gut auf sich zu schauen, ist vielleicht genau das, was im Moment schwierig ist.

Doch vielleicht gelingt es in dem einen oder anderen Moment. Möglicherweise immer öfter.

Gerade jetzt bewirkt das In-Verbindung-gehen mit sich und mit anderen besonders viel. Und gerade jetzt brauchen wir es alle mehr denn je.

Und es erschließt sich dadurch immer klarer, was für Ihre muslimischen Schüler*innen schwierig ist.

Wenn schon der körperliche Abstand im Moment so groß sein muss, kann man ja den innerlichen Abstand verringern.

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, wie sie die Verbindung zu sich und Ihren Schüler*innen stärken können, erhalten Sie Anregungen dazu im Video: Achtsame Lehrer, achtsame Schule – Kewin Hawkins & Ami Burke

Wie Sie muslimische Schüler*innen in den Schulen hierzulande gut begleiten können, lesen Sie im Blogartikel: Wissenswertes über muslimische Schüler*innen in deutschsprachigen Schulen

 

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