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Wissenswertes über muslimische Schüler*innen in deutschsprachigen Schulen

Sind muslimische Schüler*innen in deutschsprachigen Schulen eine Bereicherung, eine Herausforderung oder sind wir ohnehin alle gleich?

Gleich sind uns alle Bedürfnisse – wie dazugehören, Wertschätzung, Vertrauen, gesehen werden, etwas beitragen, usw.

Gleich sollten auch unsere Maßstäbe sein, mit denen wir andere messen. Immer wieder kommt es vor,dass wir für die eigene Kultur „Verteidiger“ sind und für andere „Richter“.

Was unterschiedlich ist, sind die Selbstverständlichkeiten

Unterschiedlich sind auch die Zeichen. Es ist zwischen Kulturen manchmal ähnlich wie bei Katze und Hund. Wenn die Katze mit dem Schwanz wedelt, könnte der Hund meinen, sie wäre in Spiellaune. Ist sie aber nicht. Das kann der Hund nicht wissen, weil er ja von sich aus geht.

Nicht jedes Verhalten jedoch, das man merkwürdig findet, hängt mit der Kultur, mit der Religion oder der Tradition zusammen

Unverständliche Verhaltensweisen haben oft damit zu tun, dass Schüler*innen Schlimmes erlebt haben, zu Hause gerade dicke Luft herrscht oder dass im Moment innere Stürme toben. Oder ganz einfach, weil sie letzte Nacht schlecht geschlafen haben.

Wichtig ist es, das individuelle Verhalten einer Person nicht gleich als Charaktereigenschaft einer ganzen Gruppe zu verstehen. Sondern sich immer wieder daran zu erinnern, den Menschen vor sich zu sehen. Und Interesse an der Persönlichkeit und der Lebenswelt des Kindes zu zeigen.

Denn, so der bekannte Lehrer, Sozialarbeiter und Familientherapeut Jesper Juul, „wenn Kinder mit Erwachsenen konfrontiert sind, die sich ihrer Verantwortung für die Beziehungsqualität entziehen, dann füllen sie das entstandene Vakuum aus und übernehmen scheinbar die Macht. Beziehungskompetenz erfordert, dass man sein Gegenüber mit all seinen Gedanken und Empfindungen ernst nimmt.“ Für mehr Information siehe: https://familylab.at/weiterbildung/schule

Was die Arbeit in Hinblick auf muslimische Schüler*innen in deutschsprachigen Schulen manchmal sehr herausfordernd macht, ist, dass es in den muslimischen Kulturen nich nur eine unglaubliche Vielfalt gibt, sondern auch große Widersprüche. Reichtum – Armut, Religiosität – Pragmatismus, Wissensdurst – Bildungsferne, Frauenfeindlichkeit – Frauenfreundlichkeit, Flexibilität – Konservatismus findet man häufig in ihren Extremen an ein und demselben Ort.

Also seien Sie nicht überrascht, etwas völlig Anderes vorzufinden, als Sie hier lesen.

Das macht es so verwirrend und manchmal anstrengend, mit muslimischen Kindern und ihren Familien zusammenzuarbeiten.

Wenn man sich jedoch auf das jeweilige Kind vor sich einlässt und sich bemüht, es in seiner eigenen Lebenswelt zu erreichen, erschließt sich die einzigartige Kombination von den vielen Aspekten und möglicherweise Widersprüchlichkeiten.

In dieser Beziehung und diesem Verstehen-wollen liegt der Schlüssel für viele Lösungen in der Schule

Und diese Lösungen sind nie Patentlösungen. Möglicherweise funktioniert diese eine gefundene Lösung nur mit diesem einen Kind. Oder nur bei Ihnen.

Verstehen bedeutet jedoch nicht, alles gut zu heißen. Oder alles zu akzeptieren. Aber dieses Verstehen bedeutet: „Du als Mensch bist interessant, nicht nur deine schulische Leistung“.

Dabei ist es hilfreich, sich in einem ruhigen Moment zu überlegen: Was sind die Punkte, die mir persönlich so wichtig sind, dass sie für mich nicht verhandelbar sind? (Meist sind das nur eine Handvoll). Wo sind MEINE persönlichen Grenzen, über die ich niemanden drübertrampeln lasse? Wo stecke ich meinen eigenen Zaun? Brauche ich heute viel Raum, oder genügt mir wenig?

Wenn Sie sich darüber Klarheit verschafft haben, ist es wichtig, diese Punkte Ihren Schüler*innen gegenüber mit Nachdruck und derselben Klarheit auszudrücken. (Sofern es sich nicht um etwas Menschenverachtendes handelt, aber das versteht sich ohnehin von selbst.)

In vielen muslimischen Kulturen herrscht eine sehr steile Hierarchie

Manche muslimische Schüler*innen in deutschsprachigen Schulen sind daher mit dem partnerschaftlichen Umgang, der hierzulande immer mehr gepflegt wird, noch nicht so sehr vertraut. Deswegen kann es vorkommen, dass sie diese Partnerschaftlichkeit als Inkompetenz oder Unterwerfungsgeste missverstehen.

Dadurch kommt es immer mal wieder zu Situationen, die die Wogen auf beiden Seiten hochgehen lassen. Weil man auf beiden Seiten die Zeichen aus eigener Sicht interpretiert hat.

Was bei vielen muslimischen Schüler*innen und ihren Eltern jedoch auf große Resonanz stößt, ist die völlig widersprüchlich klingende Kombination aus Autorität und Wohlwollen.

Auch beim Herangehen an das Lernen gibt es Unterschiede.

Wie Kinder aufwachsen und welche Erfahrungen sie machen, prägt ihren Zugang zum Lernen.

Die Schule hierzulande baut unter anderem darauf auf, Texte zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und logische Schlussfolgerungen zu ziehen. In vielen Schulsystemen der muslimischen Welt legt man den Fokus darauf, eins zu eins wiedergeben zu können, was die Lehrperson als Autorität gesagt hat oder im Buch geschrieben steht.

Mehr zu dem Thema wie muslimische Schüler*innen lernen und wie Sie sie dabei unterstützen können, finden Sie hier: https://dieorientalischewelt.com/wie-kann-ich-muslimische-schuelerinnen-beim-lernen-unterstuetzen/

Im Schulsystem hier ist die Unterstützung durch das Elternhaus besonders wichtig. Eltern, die nicht hier zur Schule gegangen sind, können jedoch nicht wissen, dass von ihnen erwartet wird, ihre Kinder bei den Schulangelegenheiten zu unterstützen. Und auch nicht, wie sie das machen können.

In vielen muslimischen Kulturen gilt die ungeschriebene Regel: Die Eltern mischen sich nicht in der Schule ein und die Schule nicht zu Hause.

Aus diesem Grund ist Elternarbeit hier so wichtig. Die Hürde für Eltern jedoch, in die Schule zu kommen, ist manchmal sehr hoch. Deswegen ist es notwendig, jede Gelegenheit zu nutzen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Wenn es Ihnen gelingt, mit den Eltern eine Vertrauensbasis aufzubauen, wird der Schulalltag wesentlich einfacher

Nun könnten Sie sich fragen, warum eigentlich SIE den ganzen Aufwand betreien sollen und sich auf andere einstellen. Natürlich ist es einfacher, wenn sich Menschen, die (relativ) neu im Land sind, einleben und sich mit den Gegebenheiten vertraut machen. Das tun viele – diese fallen auch kaum auf. Einige von denen, die es nicht tun (können), sind manchmal unverbesserlich.

Sie können sich nun an ihnen die Zähne ausbeißen und sagen: „DIE sollen …“.

Das ist ganz so, als ob man sagen würde: „Der Winter soll nicht kommen!“ Was aber, wenn er doch kommt? Dann ist es besser, einen warmen Mantel zu haben.

Anstatt zu warten, dass andere sich ändern, ist es wirksamer, seinen ganz persönlichen Einflussbereich in all seinen Facetten zu nutzen

Auf einige Bereiche wie Geopolitik, Gesetze, Rahmenbedingungen oder Vorgaben haben wir wenig Einfluss. Aber Ihren persönlichen Wirkungsbereich können Sie gezielt einsetzen.

Sich mit interkulturellen Aspekten auseinanderzusetzen, erscheint manchmal wie eine zusätzliche Mühe zu dem ohnehin schon mit Aufgaben dicht gespickten Lehrerleben.

Es ist jedoch auf lange Sicht eine Investition. Eine Investition in das Erleichtern des eigenen Schulalltags.

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