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Wie kann ich muslimische Schüler*innen beim Lernen unterstützen?

Kinder in Marokko

„Das heimische Schulsystem funktioniert nur für jene Kinder wirklich gut, die vom Elternhaus die nötige Unterstützung erhalten. Dass die Corona-Krise – wie Lehrer in einer IHS-Studie einschätzen – benachteiligte Schüler weiter zurückwarf und die soziale Kluft in den Schulen wachsen lässt, ist eine logische Folge“, schreibt Gerald John in der Zeitung „Der Standard“.

Wenn Sie wissen, welche Erfahrungen Ihre Kinder zu Hause machen, können Sie verstärkt auch muslimische Schüler*innen beim Lernen unterstützen

Diese Situation ist ziemlich frustrierend. Denn wie großen Einfluss haben Sie darauf, ob Eltern Ihre Schüler*innen unterstützen (können)?

Einige dieser Kinder kommen aus muslimischen Familien. Hier erfahren Sie, wie diese Kinder häufig lernen. Damit Sie gerade jetzt muslimische Schüler*innen beim Lernen unterstützen können.

Kinder aus unterschiedlichen Kulturen lernen unterschiedlich

Wie Kinder aufwachsen und wie sie erzogen werden, beeinflusst, was sie lernen.

Erziehung passiert üblicherweise nicht so, dass wir uns als Eltern überlegen, was unsere Kinder für den Ort, an dem sie wohnen, wissen sollten. Auch nicht, was sie für die Zeit, in der sie leben bzw. leben werden, können sollten.

Erziehung geschieht (wenn man sie nicht reflektiert), indem wir weitergeben, was wir erlebt haben.

Wenn Sie wissen, was und wie Ihre Schüler*innen in ihren Familien lernen, können Sie sie bestmöglich unterstützen

Auch wenn zu Hause wenig unterstützt wird bzw. unterstützt werden kann.

In Mitteleuropa ist das Erziehungsziel vieler Eltern, die kognitive Entwicklung ihrer Kinder zu fördern. Ihre Hoffnung dabei ist, dass sie einmal gute wirtschaftliche Chancen und einen guten Job bekommen.

So bekommen schon Babys Lernspielzeug. Sogar für Ungeborene gibt es bereits Materialien, um ihre neurologische Entwicklung zu unterstützen – beispielsweise den Babypod. https://babypod.net/de/was-ist-babypod/

Bildung ist auch den meisten muslimischen Eltern sehr wichtig

Bereits der Prophet Mohammed hat gesagt: „Suchet das Wissen und sei es in China!“ Zur damaligen Zeit war dies sehr weit entfernt.

Noch wichtiger ist es einigen muslimischen Familien jedoch, dass ihre Kinder einmal heiraten und eine Familie gründen.

Dazu ist eine andere Art von Förderung notwendig.

So, wie es vielen mitteleuropäischen Eltern oft wichtig ist, dass ihre Kinder gute Schüler*innen sind, ist es vielen muslimischen Eltern wichtig, dass ihr Kind ein guter zukünftiger Bräutigam bzw. eine gute zukünftige Braut ist.

Deswegen achten muslimische Familien generell darauf, dass ihre Kinder ordentlich aussehen und sich innerhalb der Community einen guten Ruf aufbauen.

Mädchen haben deshalb oft bereits früh Ohrringe, haben die Haare zu einer ordentlichen Frisur gebunden und tragen meist nett anzusehende Kleider. Bei Jungen wird erwartet, dass sie einen gepflegten Haarschnitt und anständige Kleidung haben – keine Struwwelfrisur und Rapperklamotten.

Diese Tendenz kann man übrigens auch in Südeuropa beobachten und ist auch bei rein österreichisch sozialisierten Familien nicht unbekannt.

Solche Kleidung lässt jedoch nur gewisse Arten des Spielens zu. Sie sind völlig ungeeignet, um in Lacken zu springen, auf Bäume zu klettern oder Farbexperimente zu unternehmen.

Mit solcher Kleidung spielt man am besten mit elektronischen Geräten. Dabei bleibt darüber hinaus auch die Wohnung sauber, die Eltern kommen einmal zur Ruhe und sie sind auch für beengte Räumlichkeiten geeignet.

Schmutzige, vom Toben zerzauste Kinder geben kein gutes Bild ab – wenn wieder einmal unangekündigter Besuch vor der Türe steht.

Was hat das mit Schule zu tun?

Die Schule hierzulande baut auf Sinnerfassung, Zusammenhänge erkennen und eigenständigem Denken auf. Dazu braucht es besonders viele Neuronenbahnen im Frontallappen.

Um diese Neuronenbahnen aufbauen zu können, müssen Kinder zuerst ihre Basis im sogenannten Säugetiergehirn stärken.

Wenn Kinder auf die Welt kommen, agieren sie zunächst verstärkt von ihrem Reptiliengehirn aus. Nach und nach trainieren sie, angetrieben von ihrer Neugierde all ihre Sinne und somit auch ihr Säugetiergehirn.

Sie sind kaum zu bremsen, wollen ihr Umfeld entdecken und erforschen und sich erproben. Immer weiter wird ihr Bewegungsradius.

Sobald sie sich fortbewegen können, wollen sie auch die Welt draußen erkunden. Je mehr sie dazu die Möglichkeit haben – und in Blättern wühlen, auf Baumstämmen balancieren und Gatschkugeln formen, umso stärker bilden sich die Neuronenbahnen im Säugetiergehirn heran.

Diese sind Grundlage für die gute Vernetzung im Frontallappen. Durch diesen können wir räumlich denken, Analogieschlüsse ziehen und Zukunftssimulationen machen.

Diese Fertigkeiten benötigen wir in der Schule hierzulande bei Textrechnungen, beim Erfassen von Schlüsselwörtern oder beim Durchdenken von Kniffelaufgaben.

Je dichter unser Neuronenbahnnetz im Frontallappen ist, umso leichter gelingt uns das.

Diese Neuronenbahnen werden jedoch nur gebildet und verstärkt, wenn wir Sinneserfahrungen machen – hauptsächlich mit unstrukturierten Materialien.

Dieser Schritt kann nicht durch noch so fleißiges Über-den-Büchern-brüten übersprungen werden

Hier liegt genau der Knackpunkt: Selbst durch Fleiß und Bemühen können Kinder, denen es am freien Erforschen ihres Umfeldes mangelt – aus welchen Gründen auch immer – diese Voraussetzung für die Schule nicht erfüllen.

Kindern, die sich nicht schmutzig machen können, fehlt ein wichtiger Baustein für die Schule.

Das Gute ist: Weil unser Gehirn neuroplastisch ist, können wir unser Leben lang im Säugetiergehirn und Frontallappen Neuronenbahnen aufbauen – sofern wir beispielsweise über Wurzeln hüpfen, mit Wasser pritscheln und über Wiesenhänge walgen – eben mit allen Sinnen leben.

Diese Tätigkeiten stehen nun jedoch nicht auf dem Stundenplan der meisten Schulen.

4 Dinge, die Sie in der Schule tun und mit denen Sie unter anderem auch muslimische Schüler*innen beim Lernen unterstützen können:

  • Regelmäßig Zeit für Übungen mit unstrukturierten Materialien nehmen (siehe auch das Buch „Aktiontabletts“ von Svenja Klingenburg)
  • Gelegenheiten für Bewegung im Unterricht schaffen (Anregungen finden sie in den kostenlosen Büchern der AUVA „Active Learning – Lernen in Bewegung“)

Angesichts des sehr dichten Curriculums mag das wie ein Witz klingen. Jedoch ist auch hier ein Umweg auf lange Sicht oft die schnellere Variante. Wenn Ihre Kinder durch diese Übungen mehr Neuronenbahnen aufbauen, werden sie die Schulinhalte umso schneller begreifen.

Haben Sie gute Erfahrungen mit bestimmten Übungen, Ansätzen oder vielleicht unkonventionellen Herangehensweisen gemacht? Schreiben Sie sie in den Kommentar, damit auch andere diese nutzen können.

Wenn Sie noch Ideen suchen, wie Sie mit den Eltern der Kinder in Kontakt kommen und gut zusammenarbeiten können, lesen Sie auch folgenden Artikel: https://dieorientalischewelt.com/das-geheimnis-nutzbringender-elternarbeit/

 

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