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Arbeiten mit muslimischen Familien

Kinder in Marokko

Beim Arbeiten mit muslimischen Familien beim Jugendamt, in der Jugendwohlfahrt, bei der Familiengerichtshilfe oder auch in der Bewährungshilfe kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Obwohl es den meisten Eltern und Behörden um das Kindes- und Jugendwohl geht, scheint manchmal eine unterschiedliche Auffassung davon zu herrschen, was das genau ist.

Je mehr Einblicke man in die Sicht-, Denk- und Lebensweisen von muslimischen Familien bekommt, umso effizienter und leichter kann man zusammenarbeiten

Und umso leichter lassen sich Lösungen finden, auch auch wenn es kaum Patentlösungen gibt.

Wenn man versteht, wie das eigene Verhalten auf muslimische Familien wirkt, kann man wirksam handeln.

Beim Arbeiten mit muslimischen Familien ist es häufig so, dass man glaubt, die ausgesendeten Zeichen des Gegenübers zu verstehen. Doch ist es manchmal wie zwischen Katze und Hund. Wenn die Katze mit dem Schwanz  wedelt, könnte der Hund meinen, sie ist in Spiellaune. Ist sie aber nicht. Das kann der Hund nicht wissen, weil er ja von sich aus geht. Genau so können auch in der Kommunikation mit muslimischen Familien die Zeichen missverständlich sein.

Doch nicht jedes unverständliche Zeichen oder Verhalten hat etwas mit Kultur oder Religion zu tun

Der Grund dafür kann in herausfordernden Erlebnissen im Herkunftsland oder auf einer Flucht, in einer ungewissen Zukunft, einer schwierigen Lebenssituation und Sorgen liegen oder aber darin, dass man letzte Nacht schlecht geschlafen hat.

Darüber hinaus sind die Kulturen, aus denen muslimische Familien stammen können, sehr unterschiedlich. Denn die muslimische Welt umfasst ungefähr 50 Länder und 1,6 Milliarden Muslime. Außerdem macht es auch einen Unterschied, ob eine Familie erst gerade zugezogen ist oder seit 4 Generationen hier lebt.

Deswegen ist es wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, den jeweiligen Menschen, das jeweilige Familienmitglied vor sich zu sehen. Auch innerhalb einer Familie kann es große Unterschiede geben.

Etwas, das beim Arbeiten mit muslimischen Familien jedoch immer wieder vorkommen kann, sind so etwas wie „rote Fäden“ wie zum Beispiel:

Kollektivismus

Viele muslimische Kulturen sind kollektivistisch geprägt. Das bedeutet, dass das Wohl der Gemeinschaft wichtiger ist, als das Wohl der Einzelperson. Wenn es also bei Ihrer Arbeit mit muslimischen Familien um das Kindeswohl geht, wird im Hintergrund auch mehr oder weniger das Wohl der Gemeinschaft mitschwingen. Und auch das Ansehen der Gemeinschaft, also der jeweiligen Community.

Hierarchien

In muslimischen Kulturen herrscht üblicherweise eine sehr steile Hierarchie. Das bedeutet, dass man zumeist über oder unter jemandem steht. Von Menschen, die über einem stehen, erwartet man generell. dass sie mit jeder Faser ihres Seins ihre Autorität und ihre Rolle ausstrahlen. Von Menschen, die unter einem stehen, wird häufig Unterwürfigkeit gefordert.

In steil  hierarchischen Kulturen entwickeln bereits Kinder sehr feine Antennen für die Zeichen der Macht

Diese können körpersprachliche Zeichen sein oder beispielsweise auch Statussymbole. In den ersten Momenten einer Begegnung beobachtet man, ob der Gesprächspartner über oder unter einem steht und ein Automatismus, der wie eine Kinderwippe funktioniert, wird ausgelöst: je höher die eine Person sich über die andere stellt, umso weiter stellt sich die andere Person unter erstere und umgekehrt.

Aus diesem Grund schreit sich so mancher muslimischer Vater nicht aus, wenn man ihn beschwichtigt, sondern in Fahrt.

Nicht nur das Kindeswohl wird aus einem anderen Winkel betrachtet, sondern auch die Erziehung

Bei vielen Eltern, die seit vielen Generationen hier leben, liegt der Fokus auf der kognitiven Förderung ihrer Kinder, damit sie später einmal einen guten Job bekommen. Bei manchen muslimischen Eltern richtet sich jedoch die Erziehung darauf, das die Kinder einmal einen guten Ehepartner bekommen. So wie bei den einen Eltern eine makellose Schul- und Ausbildungsbiografie wichtig ist, ist bei manchen anderen der makellose Ruf wichtig.

Dies beginnt schon bei der Ordnung und Sauberkeit. Kinder sollen sich nach Möglichkeit nicht schmutzig machen und die hierzulande oft kleine Wohnung soll in Ordnung bleiben. Deshalb wählen muslimische Eltern anstelle von Naturerlebnissen eher elektronische Beschäftigungen für ihre Kinder. Denn dabei bleiben Kinder und Wohnung meist sauber. Darüber hinaus sind elektronische Geräte auch ein größeres Statussymbol als Blätter und Steine.

Die unstrukturierten Naturabenteuer fehlen jedoch insbesondere Jugendlichen

Sie können sich kaum austoben. Kaum Held sein. Dazu kommt häufig die Identitätssuche, die bei Jugendlichen, die in verschiedenen Kulturen aufwachsen, noch einmal stärker ausfallen kann. Dabei geht es oft in erster Linie um die Frage der Zugehörigkeit. Wenn die Gesellschaft einem die Zugehörigkeit verweigert, weil die Augen- und Haarfarbe oder der Teint für sie zu ungewöhnlich aussehen, wird die Not groß. Wenn dann auch noch die Perspektiven dünn gesät sind, weil man als Quereinsteiger die für die Lehre oder die weiterführende Schule nötigen Sprachkenntnisse nicht vorweisen kann, wird die Ausweglosigkeit besonders herausfordernd. In einer solchen Situation benötigen Jugendliche und Eltern konstruktive Unterstützung.

Vielen Eltern ist schon bewusst, dass hierzulande Kinder nicht geschlagen werden dürfen. Es reicht jedoch nicht aus, zu sagen: „Sie dürfen Ihre Kinder nicht schlagen, aber Sie müssen Ihre Kinder in der Hand haben!“

Es ist wichtig, Schritt für Schritt zu zeigen, wie das gehen kann

Und auch zu besprechen, welche Auswirkungen das hat und wie man damit umgehen kann. Denn es erfordert eine völlig neue Art des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr auf Gehorsam gedrillt worden sind. Diese neue Art des Umgangs ist vielen noch unvertraut.

Eltern dabei konstruktiv zu unterstützen, ihre Kinder sinnvoll zu begleiten, ist eine essentielle Aufgabe, denn Erfahrungen der Gewalt und des Gehorsams können Grundlage für eine eventuelle Radikalisierung bilden. Hier nützen Verbote wenig, wenn Jugendliche sich nicht gesehen, gehört und verstanden fühlen.

Wie Radikalisierung entsteht, erklärt Dr. Herbert Renz-Polster anhand des Rechtsradikalismus in einem Artikel über sein Buch „Erziehung prägt Gesinnung“: https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/meine-buecher/erziehung-praegt-gesinnung-meine-buecher/erziehung-praegt-gesinnung-12-thesen/

Besonders wichtig, wenn man Maßnahmen gegen Gewalt und Radikalisierung setzt, ist es, dass die betreffenden Personen – seien es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene –  ihr Gesicht wahren können. Ist Gesicht wahren doch eine der grundlegenden Voraussetzung für Kommunikation in der muslimischen Welt. Direkte Kritik konstruktiv anzunehmen, ist in der muslimischen Welt noch unüblich. Hierzulande auch.

Wenn Sie mehr über die Arbeit mit muslimischen Eltern erfahren wollen, lesen Sie meinen Blogartikel: https://dieorientalischewelt.com/das-geheimnis-nutzbringender-elternarbeit/

Wenn Sie Unterstützung in der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen suchen, können Sie einen Vortrag oder ein Seminar mit mir buchen.

 

Weitere Blogartikel rund um die Sozialarbeit finden Sie hier: Für Expert*innen für Kinder- und Jugendwohlfahrt

 

 

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