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Es ist meine Entscheidung, wie ich lebe!

„Es ist meine Entscheidung, wie ich lebe!“ ist ein typischer Ausspruch in individualistischen Kulturen.

In kollektivistischen ist das Wohl der Gemeinschaft wichtiger als das Wohl des Einzelnen. Daher werden auch Entscheidungen so getroffen, dass sie für die Community gut sind.

Viele muslimische Kulturen sind kollektivistische Kulturen

Die deutschsprachigen Kulturen sind immer mehr zu individualistischen Kulturen geworden.

Das ist unter anderem deswegen möglich, weil Institutionen die Aufgaben der Gemeinschaft übernommen haben. Wenn man krank ist, kann man sich in ein Krankenhaus legen, wenn man keine Arbeit hat, wird man finanziell unterstützt, wenn man genug gearbeitet hat, bekommt man eine Rente, wenn die Nachbarn zu laut Musik machen, kann man die Polizei rufen und wenn man Ärger mit den Hausbesitzern nebenan hat, kann man zu Gericht gehen.

Diese Institutionen gibt es in den meisten muslimischen Ländern auch. Nur haben sie dort teilweise eine andere Funktion.

Natürlich gibt es Krankenhäuser, aber die Familie ist zuständig für die Versorgung mit Essen, Medikamenten und Dingen des alltäglichen Bedarfs sowie für die Pflege.

Wenn man in so manchem Land zur Polizei geht, weil man bedroht wurde, ist man nur noch schneller tot, weil die Polizei mit den Milizen zusammen arbeitet.

In vielen muslimischen Ländern bekommen nur Beamte eine Rente.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie im Alter nicht finanziell versorgt werden würden?

Weiter arbeiten bis zum Umfallen? Was aber, wenn Sie zu gebrechlich zum Arbeiten werden? Gemeinschaften bilden? Voraussparen?

In vielen muslimischen Ländern ist es nur wenigen Menschen möglich, etwas zu sparen. In Pakistan beispielsweise gehen aufgrund der hohen Preise 46% des Einkommens an Lebensmittel.

Meistens wird das Thema der Altersversorgung einfach dadurch gelöst, dass man viele Kinder hat. In kollektivistischen Kulturen heiraten die Töchter zumeist in die Schwiegerfamilie, während sich die Söhne um die alternden Eltern kümmern.

Kann man sich die Schulbücher, Schulmaterialien, Schuluniformen und den Schulbus nicht für alle Kinder leisten, werden zuerst die (ältesten) Söhne in die Schule geschickt. Aus strategischen Gründen.

Doch nicht nur die Schule ist wichtig. Es nützt die beste Ausbildung nichts, wenn man keinen Job hat. Und selbst wenn der Sohn gut ausgebildet ist und gut verdient, nützt das den Eltern nichts, wenn er sich nicht für sie interessiert.

Deswegen achten viele darauf, ihre Söhne zu verhätscheln und sie an sich zu binden. Nicht unbedingt, weil man die Jungen mehr lieben würde, sondern aus ganz pragmatischen Gründen:

Damit man im Alter versorgt ist

Wenn man die Polizei nicht rufen kann, wenn man in Gefahr ist, weil sie ganz einfach nicht kommt oder das alles nur noch gefährlicher macht, muss man sich anders organisieren.

In vielen muslimischen Kulturen sind es die Männer des Dorfes oder der Nachbarschaft, die die Gemeinschaft verteidigen. Genauso wie man hierzulande sicher gestellt sehen möchte, dass die Polizei gut ausgebildet und ausgerüstet ist, will man sich auch in muslimischen Kulturen gut verteidigt wissen. Deswegen wissen Jungen in diesen von klein auf, dass die Selbstverteidigung ihrer Gemeinschaft ihre Aufgabe ist. Deswegen ist „Schlagen können“ Ehrensache.

Wenn man den Schutz und die Versorgung durch die Community in Anspruch nehmen will, kann man nicht einfach sagen: „Es ist meine Entscheidung, wie ich lebe!“ Man muss selbst auch etwas für diese tun. Und das Mindeste, was man tun kann, ist es, seine Entscheidungen so zu treffen, dass sie zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Immer wieder bedeutet das, dass man selbst zurückstecken muss oder dass viele mitentscheiden.

Auch in der Kindererziehung ist die Ausrichtung vielmehr darauf, dass die Kinder ein gutes Mitglied der Gemeinschaft werden und weniger darauf, dass sie möglichst früh selbständig werden. Fällt man aus der Gemeinschaft heraus, weil man etwas tut, was anderen nicht passt, erleidet man den sozialen Tod.

Deswegen muss man häufig wohl oder übel dem Gruppendruck nachgeben.

Das Leben in kollektivistischen Kulturen ist so von der Gemeinschaft geprägt, dass man selten für sich allein ist. Arzttermine zum Beispiel werden häufig gemeinsam wahrgenommen. Sich allein zurückzuziehen, ist eher unüblich. Und so kommt es häufiger vor, dass man in der „Wir-Form“ als in der „Ich-Form“ spricht. Überspitzt wird das Leben in kollektivistischen Kulturen in der Parodie der Datteltäter Arten von Muslimischen Verwandten gezeigt.

Es ist meine Entscheidung, wie ich lebe!

Ist das der einzige Weg zu einem glücklichen Leben?

Wie bei allen Kulturaspekten gibt es kein Gut oder kein Schlecht. Wie immer haben alle Aspekte Vor-und Nachteile. So mischen sich zwar beispielsweise in kollektivistischen Kulturen viele Menschen in „Privatangelegenheiten“ ein, dafür gibt es jedoch „Alterseinsamkeit“ so gut wie nie.

Jetzt könnte man sich fragen, warum sich Menschen aus kollektivistischen Kulturen nicht einfach umstellen, wenn sie in individualistische Kulturen migrieren. Wenn es in einem Land Institutionen gibt, die einen versorgen, könnte man doch weniger gemeinschaftlich leben.

Natürlich genießen einige die Freiheit, so zu leben, wie sie leben möchten. Doch gerade wenn man neu ist, braucht man auch so viel Vertrautes wie möglich. Manche vermissen hier auch „das Leben“ auf den Straßen. Sich einzuleben, fällt nicht allen leicht und braucht seine Zeit.

Ob eine Kultur kollektivistisch oder individualistisch geprägt ist, hängt nicht nur von ihrer Geschichte, den örtlichen Gegebenheiten und von Institutionen ab, durch die man den Kollektivismus institutionalisieren kann, sondern auch von der Epoche. Wenn einer der Parameter sich ändert, kann beispielsweise eine individualistische Kultur schnell zu einer kollektivistischen werden. Wenn also zum Beispiel der Generationenvertrag wackelt und man zu wenig oder keine Rente mehr bekommt, werden sich wieder mehr Gemeinschaften bilden und Aussagen wie „Es ist meine Entscheidung, wie ich lebe!“ müssen in den Hintergrund rücken.

Auch in den letzten 18 Monaten hat ein Kulturwandel stattgefunden. Die Gesellschaft in den deutschsprachigen Ländern ist kollektivistischer geworden mit der Erwartung an die Menschen, sich loyal und gehorsam gegenüber der Gruppe zu verhalten und mit stärkerer sozialen Kontrolle.

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, ob und wie sich Menschen aus kollektivistischen Kulturen auf lange Sicht in individualistischen einleben, lesen Sie den Blogartikel: Ist es zu erwarten, dass Muslim*innen ihren Lebensstil verändern?

 

 

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