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Wie kann man muslimische Schüler*innen nach Monaten am Bildschirm wieder unterrichten?

Wie kann man muslimische Schüler*innen nach Monaten am Bildschirm wieder unterrichten? Nachdem viele Kinder während der Distance-learning-Zeit zusätzlich zum online Unterricht unzählige Stunden mehr am Handy, Tablet oder Computer verbracht haben, ist es für einige schwierig, wieder in die wirkliche Welt zurück zu kommen. Und für viele Lehrende schwierig, die Kinder zum Zuhören und Aufpassen im Unterricht zu bewegen.

Die online Welt ist voller Bilder, Abwechslung, Spannung, Geschwindigkeit, entspannender Berieselung, Welten, die die Kinder und Jugendlichen interessieren. Vieles ist von Kindern für Kinder gemacht. Wenn es nicht interessant ist, ist es mit einem Klick oder Wisch weg. Außerdem kann man es sich’s gemütlich machen und sitzen oder liegen, wie man will. Kinder und Jugendliche können über Bildschirme unendlich viel Wissen anzapfen. Wissen, das sie interessiert. Und das so gut wie mühelos.

Für Lehrende ist das ein ungleicher Kampf. Denn sie müssen ein Curriculum durchbringen, das nicht alle interessiert. Das im Alltag der Kinder und Jugendlichen nicht immer relevant ist. Sie müssen Wissen vermitteln, das auf die Zukunft der Kinder abzielt. Wissen, das man sich durch Anstrengung aneignen muss.

Wie kann man als Lehrperson Schritt halten mit den vielen Bildern, der Spannung, der Geschwindigkeit? Wie sollen Lehrende so spannend wie ein Computerspiel sein? Also:

Wie kann man muslimische Schüler*innen nach Monaten am Bildschirm wieder unterrichten?

Viele muslimische Familien, vor allem die neu dazugekommenen, leben hierzulande häufig in beengten Wohnverhältnissen. Wenn man neu in ein Land kommt, fängt man zumeist in den untersten sozialen Rängen wieder von Neuem an. Selbst wenn man mit der Zeit bereits besser verdient, bekommt man mit ausländischem Namen und Aussehen nicht jede Wohnung.

Dadurch, dass die meisten muslimischen Familien sehr gastfreundlich sind, kommt häufig Besuch. Meist unangekündigt. Deswegen ist es wichtig, dass das Zuhause zu jeder Zeit sauber geputzt und ordentlich aufgeräumt ist. Und auch die Kleidung der Kinder stets fleckenfrei und die Haare gebürstet sind.

Wie ist das jedoch zu schaffen, wenn man mehrere Kinder und wenig Platz hat?

Zum Glück gibt es da eine geniale Erfindung: Smartphones, Tablets und Computerspiele. Die Kinder bleiben sauber. Die Wohnung auch. Die Kinder sind so leise, dass die Nachbarn keinen Anhaltspunkt mehr finden, sich aufzuregen. Und die Kinder streiten nicht.

Darüber hinaus sind elektronische Geräte ein Statussymbol, was sie noch attraktiver macht. Wer Kindern ein Smartphone oder Tablet kaufen kann, hat ihnen was zu bieten.

Aus diesem Grund beschäftigen sich einige muslimische Schüler*innen noch mehr mit Bildschirmen, als wenn sie es nur aus der Anziehung heraus machen würden, die von ihnen ausgeht.

In den letzten Monaten gab es nun noch mehr Zeit, die man online verbringen konnte.

Wie kann man also muslimische Schüler*innen nach Monaten am Bildschirm wieder unterrichten?

Wie kann man sie unterstützen, in die wirkliche Welt, in den Alltag zurückzukommen?

Es ist schwierig, dort weiter zu machen, wo man vor eineinhalb Jahren aufgehört hat. Die Welt hat sich weiter gedreht. Und schon damals war es nicht immer leicht.

Eine Möglichkeit, sich jetzt dabei nicht die Zähne auszubeißen, ist, Schule neu zu denken. Und sich von der Essenz der Attraktion von online Programmen leiten zu lassen:

Bilder, Abwechslung, Spannung, Geschwindigkeit, entspannende Berieselung, Welten, die die Schüler*innen interessieren, von Kindern für Kinder gemacht, wenn nicht interessant, mit einem Wisch weg, es sich gemütlich machen – sitzen, liegen, wie man will, unendlich viel Wissen, das sie interessiert – so gut wie mühelos.

Hier 7 Möglichkeiten für die Zeit nach dem Homeschooling, die sich in verschiedenen Schulen bereits bewährt haben:

1. Themen, die die Schülerinnen wirklich interessieren

Zu Beginn eines Semesters oder Monats können alle eine Fragestellung, die sie zum Gegenstand interessiert, einbringen. Jede Stunde wird nach Erledigung des Stoffs eine dieser Fragestellungen besprochen. Oder die Schüler*innen können zu Hause selbst recherchieren und ihre Ergebnisse in der Schule präsentieren. Möglicherweise lassen sich ja Verknüpfungen zu bereits erlerntem, aktuellem oder zukünftigem Stoff herstellen.

2. Wirkliches Leben

Wie organisiert man eine Reise? Wie flickt man ein Rad? Wie kürzt man eine Hose? Sich die Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten, kann eine Abwechslung für zwischendurch sein. Dabei kann man sich innerhalb kurzer Zeit viel Wissen aneignen.

3. Natur

Dem Treiben von Käfern und Ameisen zuzuschauen, kann eine entspannende Berieselung sein. Dabei kann man es sich beispielsweise auf einer Decke gemütlich machen. Die Natur bietet eine unerschöpfliche Viefalt an Bildern und Abenteuern. Wenn ein Platz langweilig wird, kann man sich schnell einen neuen suchen. Durch die Beobachtungen kann man sich so gut wie mühelos neues Wissen aneignen.

4. Beziehung

Ein wirkliches In-Beziehung-Treten ist meist ungleich interessanter, als am Bildschirm zu sein. Mit echtem Interesse und ein paar guten Fragen, bei denen es um die Schüler*innen selbst geht, lassen sich neue Türen öffnen – z.B.:

  • Was ist dir diese Woche gut gelungen?
  • Was hat dich in letzter Zeit zum Lachen gebracht?
  • Was sind 3 Dinge, über die du dich gestern gefreut hast?

5. Verantwortung

Gerald Hüther meint, die beste Alternative zu Bildschirmen ist, sich gemeinsam um etwas zu kümmern.
In der evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum beispielsweise gibt es das Fach „Verantwortung“. „In der 7. und 8. Klasse bekommen die Schüler zwei Stunden Lernzeit pro Woche geschenkt für ein festes zivilgesellschaftlichen Engagement,“ steht in ihrem Schulprogramm. „Beim Service learning, also lernen durch Engagement, merken die Kinder: Ich kann etwas bewegen und verändern, mein Wirken, meine Existenz sind wichtig,“ ist die pädagogische Leiterin der Meinung.

6. Einteilung in kleine abwechslungsreiche Abschnitte

Beim Hospitieren in einer marokkanischen Volksschule ist mir aufgefallen, wie eine Lehrerin durch die relativ rasche Abfolge von Arbeitsblöcken, lautem Lesen und Rufen, stiller Konzentration, Bewegung beim Aufstehen und Schreibtafel-Hochheben und ruhigem Sitzen die Kinder dazu bewegen konnte, die ganze Zeit hindurch bei der Sache zu bleiben. Der weltberühmte Coach Anthony Robbins bewegt bei seinen Webinaren ein Publikum bis zu einer Million Menschen aus der ganzen Welt dazu, stundenlang zuzuhören und mitzuarbeiten. Um die emotionale Intensität beim Lernen zu erhöhen, verwendet er zwischen den Informationsblöcken Musik und reißt die Zuschauer mit, sich zu bewegen. Er macht damit auch den Prozess des Lernens lustvoller und nicht nur das Erreichen des Ergebnisses.

7. Held sein

Computerspiele sind deshalb so beliebt, weil man Held sein und Erfolgserlebnisse haben kann. In der Schule bleibt diese Erfahrung häufig den Klassenbesten vorbehalten. Der Mehrheit der Klasse bleibt nur der Sport oder die Computer-Welt, als Möglichkeit, Held zu sein.
Schon die Beschäftigung mit der Frage: Welcher Held möchtest du sein? Wo und wie könntest du zu einer Heldin werden? Wie möchtest du die Welt verändern? kann neue Energien wecken und den Alltag wieder spannend werden lassen.

Wie kann man muslimische Schüler*innen nach Monaten am Bildschirm wieder unterrichten?

Vielleicht denken Sie sich jetzt: „Klingt ja gut und schön, aber es gibt ja nicht einmal genug Zeit für den Stoff. Und vor allem jetzt müssen wir viel nachholen. Außerdem haben die Schülerinnen eh keinen Bock.“

Möglicherweise ist es Ihnen aber einen Versuch wert. Die Schüler*innen mit etwas Neuem zu überraschen, bewirkt vielleicht, dass man sich die eine oder andere Minute des „Seid-still“, „Passt-endlich- auf“ oder „Hört-auf-zu-tratschen“ erspart.

Wenn Sie für diesen Versuch Inspirationen suchen – hier ein Link: Schule im Aufbruch

… und ein paar Buchtipps:

Renz-Polster, Herbert; Hüther, Gerald: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken, Beltz-Verlag

Stiftung Silviva: Draußen unterrichten, hep Verlag

Heinrich, Marcel; Senf, Mitch; Hüther, Gerald Hütter: #Education for Future, Goldman Verlag

Nüsse, Sebastian: 60 Tools für gelungenen Digitalen Unterricht, 5.-13. Klasse, medien coaching nrw

Klingenberg, Svenja: Aktionstabletts, spielend lernen und entdecken

 

Wenn sie gerne wissen möchten, wie Sie muslimische Schüler*innen beim Lernen unterstützen können, lesen Sie den Blogartikel: Wie kann ich muslimische Schüler*innen beim Lernen unterstützen

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