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Muslimische Schüler*innen im Lockdown: 5 Tipps wie Sie sie gut begleiten können

Lockdown

Die Homeschooling-Situation ist ja für alle Schüler*innen eine spezielle Herausforderung. Noch schwieriger jedoch ist es für Lehrende, die aus dem Nichts die neue Form des Unterrichts aus dem Ärmel schütteln sollen. Will man muslimische Schüler*innen im Lockdown gut begleiten, gibt es zusätzlich noch einige Aspekte zu beachten.

Das ist ein zusätzlicher Aufwand. Und zusätzlicher Druck.

Die Aspekte, die ohnehin schon schwierig sind, machen die Situation für muslimische Schüler*innen im Lockdown zur noch größeren Hürde

Viele muslimische Schüler*innen wohnen in beengten Wohnverhältnissen. Ist doch der soziale und finanzielle Aufstieg vor allem für Migrant*innen sehr schwierig. Häufig haben sie kein Zimmer für sich allein. Manchmal auch keinen Schreibtisch. Oder Platz, um Lernsachen auszubreiten. Keine Türe, die man hinter sich zu machen kann. Keinen Ort, an dem die kleinen Geschwister nicht hineinkommen und an dem man ruhig und konzentriert arbeiten kann.

Viele besitzen zwar ein Handy, aber keinen Computer. Schriftliche Aufgaben am Handy abzutippen, gleicht einer Sisyphusarbeit. Nicht jeder Haushalt verfügt über einen Drucker. Und am Monatsende mag auch das Geld für neue Druckerpatronen zu Ende sein.

Ebenso ist das mit dem Internet. Oft zu wenig Datenvolumen, häufig zu viele Nutzer in der Familie.

Für das Homeschooling braucht man noch mehr Unterstützung als für den üblichen Schulalltag

Es braucht jemanden zu Hause, der die Energie hält. Damit man sich auf das Lernen einstimmen kann, sich konzentrieren kann, dabei bleiben kann.

Es braucht jemanden, der an die einzelnen Termine erinnert. Jemanden, der die Uhr im Auge behält. Jemanden, der zusätzlich zwischendurch erklären kann.

Für viele Eltern ist das eine richtig große Herausforderung. Vor allem dann, wenn es mehrere Schulkinder im Haushalt gibt. Und älteren Geschwistern ist diese Aufgabe neben ihren Schulaufgaben erst recht nicht zuzumuten.

Vor diesen Schwierigkeiten stehen ja allerdings nicht nur muslimische Schüler*innen im Lockdown. Und einige kommen ja auch weiterhin in die Schule.

Es gibt jedoch – abgesehen von diesen „äußeren“ Herausforderungen auch „innere“ Herausforderungen für muslimische Schüler*innen im Lockdown. Aspekte, die beim Homeschooling einfach fehlen.

In erster Linie ist das Beziehung.

In muslimischen Kulturen ist Beziehung das Fundament des gemeinsamen Lebens

Im Homeschooling-Unterricht bekommt die Sachebene eine noch größere Priorität als sonst. Doch in muslimischen Kulturen ist die Beziehungsebene weitaus wichtiger.

Das beste Argument, die logischste Erklärung, die interessanteste Information ist bedeutungslos, wenn da nicht eine intensiv aufgebaute, täglich gepflegte Beziehung besteht.

Und Beziehung bedeutet nicht, dass man sich einfach schon länger kennt und sich regelmäßig sieht. Beziehung im muslimischen Sinne bedeutet, Interesse am anderen zu zeigen.

Und zwar nicht auf der Sachebene wie „Hast du deine Aufgabe gemacht?“ oder „Hast du verstanden, was ich erklärt habe?“. Sondern Interesse auf der Beziehungsebene wie „Was gibt es Neues bei dir zu Hause?“ oder „Was hast du gestern nach dem Unterricht gemacht?“ oder „Worüber hast du dich heute gefreut?“,

In diesem noch stärker sachorientierten Distance-Learning-Format fehlt vielen muslimischen Schüler*innen auch das beständige im Kontakt-Bleiben und die Kontinuität, die es braucht, um das Beziehungs- und Lernfeuer nicht ausgehen zu lassen.

Für viele muslimische Kinder ist es wichtig, die Präsenz ihrer Lehrperson zu spüren, während sie an ihren Aufgaben arbeiten. Gerade wenn die so lebensnotwendigen Berührungen beim Unterricht über Teams + Co ausfallen.

Noch ein weiterer wichtiger Punkt kommt im online Unterricht zu kurz: Das An-der-Hand-nehmen

Wenn online nur der Stoff durchgemacht wird und dann die Aufgabe angesagt wird – fühlt sich so manches Kind im Regen stehen gelassen.

Was muslimische Schüler*innen im Lockdown brauchen, sind noch mehr Klarheit und Begleitung als im Präsenzunterricht

Denn es ist online schwieriger, zuzuhören, es ist schwieriger, nachzufragen. Und auch die Ablenkungen sind zu Hause mehr als in der Schule.

Im virtuellen Unterricht ist es noch wichtiger, Schritt für Schritt voranzugehen und nach jedem Schritt sicherzugehen, dass alle dabei sind und verstehen.

Selbständiges Arbeiten ist zwar das Ziel, doch der Weg dorthin braucht viel Begleitung.

Kinder, die einen hierarchischen Erziehungsstil gewohnt sind, brauchen üblicherweise noch mehr die Anwesenheit der Lehrperson, die anleitet, einem über die Schulter schaut, Feedback gibt, einen weiter mit auf den Weg nimmt, motiviert und vor allem sieht, wie sehr man sich bemüht.

Dafür braucht es einen online Unterricht, der nicht einfach wie Präsenzunterricht in einer virtuellen Form ist. Es braucht Möglichkeiten, sich einzubringen, Erfolgserlebnisse zu haben, sich zu begeistern, mitzukommen, zusammenzuarbeiten, zu zeigen, was man kann. All das ist online möglich – es gibt Tools wie die Break-out-Rooms, Umfragen und Chats.

Wenn Sie ein paar Tipps dazu suchen, hier finden Sie das Video „Brain-based Learning Principles in the Virtual Classroom“ von Cynthia Clay, die auf ihrer Homepage viele Unterstützungsmaterialien anbietet: https://netspeedlearning.com/virtual-learning/brain-based-1-3/

Wenn man es genau betrachtet, sind es nicht nur die muslimischen Schüler*innen, die mehr Beziehung und Begleitung benötigen

Wie alle Schüler*innen und auch die Lehrenden davon profitieren können, beschreibt der Lehrer, Sozialpädagoge und Familientherapeut Jesper Juul in seinem Vortrag „Beziehung Lehrer – Schüler: https://youtu.be/q5Wrhe5L5_Y

Hier 5 Tipps, wie Sie Beziehung und Begleitung im Lockdown umsetzen können:

1. Schauen Sie gut auf sich selbst und auf eine liebevolle Beziehung zu sich selbst.

2. Geben Sie übersichtliche, gut strukturierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen und bieten Sie kurze Fact-Sheets über die jeweilige Stunde an. Eine gute Abwechslung von beispielsweise Input, 1-2 Fragen zum Selbstbeantworten in 5 Minuten, Gruppendiskussionen in Break-out-Rooms, Nachbesprechungen mit den einzelnen Gruppen, Schnitzeljagden für Bewegung kann den Unterrichtsstoff leichter zugänglich machen.

3. Schauen Sie Ihren Schüler*innen virtuell immer wieder über die Schulter und fragen Sie: „Wie geht es dir mit dem Lernen? Was nimmst du dir für die kommende Woche vor? Wo steckst du fest und brauchst Hilfe? Was ist dir gut gelungen? Was sind deine konkreten nächsten Schritte?“

4. Halten Sie persönlichen Kontakt zu ihren Schüler*innen – über regelmäßige Kurztelefonate, eine persönliche Nachricht oder einen kurzen Chat.

5. Zeigen Sie bei diesen Gesprächen Interesse für Ihre Schüler*innen jenseits von „Wie geht es dir?“ und jenseits von Fragen nach der Leistung.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum Sie das eigentlich alles machen sollen, lesen Sie meinen Blogartikel: Wozu der ganze Aufwand?

Ich wünsche Ihnen und Ihren Schüler*innen eine gute Lockdown-Zeit, die möglicherweise eine Gelegenheit ist, Neues auszuprobieren. Und vielleicht Chancen bietet, die es sonst nicht gegeben hätte.

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